Wer trägt die Verantwortung?

Wer trägt die Verantwortung?

Unser Ziel ist eine nachhaltige Modebranche. Wir wissen, dass wir das nicht alleine schaffen können. In unseren bisherigen Blogartikeln haben wir gezeigt, warum das so schwer ist: Mythen über Secondhand, Greenwashing, die Herausforderung, Konsumgewohnheiten zu ändern und die oft undurchsichtige Modeindustrie.

Wir sehen unsere Aufgabe darin, ein Angebot zu schaffen, das Kund:innen überzeugt – weil es gut ist, nicht weil es keine andere Wahl gibt. Weltweit gibt es Unternehmen, Initiativen und Projekte, die genau diese Alternativen anbieten. Überall investieren Menschen, Organisationen und Politik Zeit und Geld, um nachhaltige Lösungen voranzubringen oder zu beleuchten– durch Acceleratoren, Preise oder gezielte Förderung.

Der Wandel hin zu nachhaltiger Mode passiert nur langsam. Mini-Schritte werden gemacht, wie erste Regulierungen von Billigimporten, aber ausreichend ist das nicht. Viele wissen gar nicht, wie nachhaltig ihr Leben wirklich ist, Greenwashing ist schwer zu erkennen, und niemand kann alle Details jeder Branche kennen. Die Verantwortung, das Konsumverhalten zu ändern, wird nach wie vor bei den Konsument:innen gesehen. Viele Dinge sind Konsument:innen gar nicht bewusst. Wenn wir nachfragen, meinen die meisten, nachhaltig zu leben – vermutlich stimmt das nur teilweise. Konsumgewohnheiten sind tief verankert und oft schwer zu erkennen. Greenwashing zu durchschauen, ist kompliziert, und über alle Details jeder Branche Bescheid zu wissen, ist nahezu unmöglich. Wir können niemandem vorwerfen, dass er nicht genau weiß, wie problematisch die Modeindustrie ist oder welche Unternehmen wirklich nachhaltig arbeiten.

Die Politik muss eine größere Rolle übernehmen, statt die Verantwortung auf Konsument:innen abzuwälzen. Die Gleichung ist einfach: Die Modebranche verursacht massive ökologische Schäden – rund 10 % der globalen CO₂-Emissionen, enormen Wasserverbrauch, chemische Belastungen und jährlich Millionen Tonnen Textilabfall. Die größten Folgen treffen Menschen in den Produktionsländern. Gleichzeitig haben sich Staaten weltweit zu Klimazielen verpflichtet: Das Pariser Abkommen fordert, die globale Erwärmung deutlich unter 2 °C zu begrenzen, idealerweise 1,5 °C. Auch die UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs), insbesondere Ziel 12 „Verantwortungsvoller Konsum und Produktion“ und Ziel 13 „Klimaschutz“, setzen klare politische Maßstäbe.

Wenn Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft politische Ziele sind, muss die Politik auch für Veränderungen in der Modebranche sorgen. Wir sprechen hier bislang nur vom Klima – soziale Probleme kommen noch hinzu, und auch sie sind politisch festgelegt. Es kann also nicht allein an Konsument:innen liegen, den Wandel herbeizuführen.

Was wurde bisher umgesetzt?

 

Die Politik hat in den letzten Jahren erste Schritte unternommen, um die Modebranche zu lenken. Auf EU-Ebene gibt es seit 2022 die EU-Textilstrategie, die fordert, dass Kleidung langlebig, recyclingfähig und unter Einhaltung sozialer Standards produziert wird. Seit Juli 2024 gilt die Ökodesign-Verordnung, die Haltbarkeit, Reparierbarkeit und Recyclingfähigkeit für viele Alltagsprodukte vorschreibt – Textilien gehören zu den ersten Produktgruppen. Die erweiterte Herstellerverantwortung (EPR) verpflichtet seit Januar 2025 alle Mitgliedstaaten, Textilien getrennt zu sammeln, und stellt sicher, dass die Hersteller für die Kosten der Wiederverwertung aufkommen – nicht die Allgemeinheit. Auch das Vernichtungsverbot für unverkaufte Kleidung ist seit Dezember 2023 in Kraft. Weitere Maßnahmen wie die Green Claims Directive oder der digitale Produktpass sollen Transparenz schaffen und Greenwashing verhindern. In Deutschland gibt es seit Januar 2023 das Lieferkettengesetz, das große Unternehmen verpflichtet, Menschenrechtsverletzungen in ihrer Lieferkette zu prüfen. Und trotzdem gibt es große Lücken. Das deutsche Lieferkettengesetz gilt nur für sehr große Unternehmen – viele Modefirmen fallen schlicht raus. Bei indirekten Zulieferern müssen Unternehmen erst bei konkreten Hinweisen handeln, obwohl die schlimmsten Vorfälle oft ganz am Anfang der Lieferkette passieren. Es gibt keinen echten Umweltbezug, kaum Schutz für indigene Gruppen, Frauen oder faire Löhne. Die Ökodesign-Verordnung verbietet zwar die Vernichtung von Kleidung, lässt aber Elektronik außen vor – Millionen Tonnen Ressourcen werden weiter vernichtet. Und Greenwashing kann bis zur Umsetzung der Green Claims Directive 2027 weiterlaufen.

 

Ein gutes Beispiel kommt aus Frankreich: Dort setzt das Anti-Fast-Fashion-Gesetz Ökosteuern durch (ab 2025 zunächst 5 €, bis 2030 bis zu 10 € pro Artikel, maximal 50 % des Verkaufspreises), kombiniert mit Werbeverboten und Transparenzpflichten. Die Einnahmen fließen in die Förderung nachhaltiger, lokaler Mode. Die Botschaft ist klar: Die Industrie trägt die Kosten, nicht die Konsument:innen. Das ist ein richtiger Ansatz – und es stellt sich die Frage, warum ähnliche Maßnahmen nicht EU-weit umgesetzt werden.

Was braucht es also?

Die bestehenden Regelungen zeigen: Politik ist aktiv, ja, aber oft zögerlich. Die Verantwortung liegt weiterhin stark bei den Konsument:innen. Und das, obwohl die Branche massive Schäden an Klima, Wasser und Menschen verursacht. Dass jetzt endlich Hersteller, Importeure und Unternehmen für die Kosten ihrer Produkte und deren Folgen zahlen, ist ein Schritt in die richtige Richtung – aber es bleibt noch viel zu tun.

Stellt man sich die Branche einmal vor, wird klar, was möglich wäre: geschlossene Kreisläufe, in denen Textilien so gestaltet sind, dass sie wiederverwendet, recycelt oder biologisch abgebaut werden können. Ressourcen würden länger genutzt werden können und nicht einfach verloren gehen, somit würde der Energie- und Materialverbrauch sinken. Das ist kein Traum, das ist praktisch umsetzbar – es braucht nur klare Regeln.

Wenn die Rahmenbedingungen für Reparatur, Wiederverwendung und Wiederaufbereitung stimmen, könnte deutlich mehr repariert, aufbereitet oder wiederverkauft werden. Ressourcen würden geschont werden, Abfall reduziert, und nachhaltige Geschäftsmodelle hätten eine echte Chance. Auch ein Vernichtungsverbot für ungenutzte Produkte wäre ein Schritt, der sofort Wirkung zeigt: Kleidung und Elektronik müssten systematisch wieder in den Kreislauf, statt auf Mülldeponien zu landen.

Genauso sinnvoll ist klarer Schutz vor Greenwashing. Konsument:innen könnten wirklich verstehen, welche Produkte nachhaltig sind – statt sich durch Marketingaussagen zu kämpfen. Und ganz grundsätzlich gilt: Nachhaltigkeit und Klimaschutz sind politische Ziele. Sie lassen sich nicht allein über das individuelle Kaufverhalten umsetzen. Wenn die Politik die Rahmenbedingungen setzt, werden diese Ansätze sofort umsetzbar – und wir könnten in kurzer Zeit echte Veränderungen sehen.

Ein Binnenmarkt für Sekundärrohstoffe, faire Reparaturmöglichkeiten, reduzierte regulatorische Hürden für Reuse und Refurbishment – das alles ist technisch machbar, wirtschaftlich sinnvoll und würde sofort Wirkung zeigen. Die Politik kann das regeln. Und genau deshalb muss sie handeln. Es geht nicht mehr darum, ob wir wollen, sondern darum, dass die Möglichkeiten da sind und genutzt werden – für Klima, Ressourcen und Menschen.

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